Miteinander ↔ Mensch / ICE

Kapitel 5

Auch die zweite Großskulptur trägt nicht den inhaltlichen Titel  MITEINANDER,

sondern MENSCH – ICE. Peter installierte sie während der documenta IX im Jahr 1992 auf dem Bahnsteig des neu eröffneten ICE-Bahnhofs Kassel-Wilhelmshöhe. Mit ihr wollte er der Gesamtleistung und dem Miteinander einer ungeheuren Anzahl von Menschen Ausdruck verleihen, die es ermöglicht hatten, dass dieser neue Hochgeschwindigkeitszug auf dem deutschen Schienennetz Wirklichkeit werden konnte.

Eine Tafel neben der Skulptur nennt viele maßgeblich beteiligte Unternehmen, die dazu beigetragen haben, dass aus einer Vision ein Zug entstand, wie es ihn zuvor in Deutschland noch nicht gegeben hatte.

Begleitet wurde dieses Projekt von Prof. Dr. August Heuser als fachlichem Experten. Die Installation der Skulptur erfolgte mit Zustimmung von Jan Hoet, dem künstlerischen Leiter der documenta IX, sowie von Friedhelm Mennekes. In seiner Eröffnungsrede ordnete Heuser das Werk in einen größeren kunsthistorischen Zusammenhang ein und erkannte bereits früh die besondere Ausrichtung von Peters künstlerischer Arbeit.

Er sagte über ihn:

„Peter Kalb ist einer, für dessen Arbeiten – man sieht es seinen Arbeiten nicht leicht an – die Faszination am Menschen und seinem Tun wesentlich ist.“

Und über die Formensprache der Skulptur:

„Er umschreibt und beschreibt in seinen Formfindungen zum Thema menschliche Gesten und Körperhaltungen als ein Moment menschlicher Aussagemöglichkeit und Sprache, also menschlicher Kommunikationsfähigkeit. In der Abstraktion des Zeichens, das er entwickelt, macht er schließlich innere Haltungen und Bewegungen deutlich.“

Rückblickend wirken diese Worte beinahe wie eine Vorwegnahme der späteren Entwicklung der KalbFormen. Bereits 1992 beschreibt Prof. Dr. August Heuser jene Verbindung von Körpersprache, innerer Haltung und abstrakter Form, die Peter in den folgenden Jahrzehnten immer bewusster erforschen und zu einem eigenständigen künstlerischen Konzept weiterentwickeln sollte.

Erneut liegt der Skulptur die unbewusste Körpersprache des Menschen zugrunde. Ein auf dem Rücken liegender Mensch trägt einen zweiten. Beide weisen in dieselbe Richtung. Sie vertrauen einander, weil sie wissen, dass sie dasselbe Ziel erreichen wollen. Erst ein unvoreingenommener Umgang miteinander, Mitgefühl füreinander und die Zuversicht, das gemeinsame Ziel erreichen zu können, entfalten jene Dynamik, die gemeinsames Handeln möglich macht. Dabei ist beiden bewusst, dass ihre Rollen nicht festgelegt sind. Der Tragende kann zum Getragenen werden, der Getragene zum Tragenden. Gerade diese gegenseitige Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und sie ebenso annehmen zu können, macht ein echtes Miteinander aus. Die Skulptur beschreibt damit nicht nur das Tragen eines Menschen durch einen anderen, sondern die Haltung, die jede gelingende Gemeinschaft trägt.

Zu diesem Zeitpunkt wurde Peter immer deutlicher, dass die Menschen verstehen wollten, wie diese abstrakten Formen entstanden waren und woraus sie abgeleitet wurden. Sie wollten wissen, warum das Betrachten seiner Skulpturen in ihnen so unterschiedliche Empfindungen hervorrief. Doch selbst Peter konnte damals noch nicht erklären, weshalb der eine plötzlich Tränen in den Augen hatte, während die gleiche Form bei einem anderen ein zufriedenes Lächeln oder einen sehnsüchtigen Blick auslöste.

Diese Reaktionen ließen ihm jedoch keine Ruhe. Sie wurden zum Ausgangspunkt einer jahrzehntelangen Suche. Er begann zu beobachten und zu forschen – im Alltag, in der Geschichte und schließlich sogar in den unterschiedlichen Zeitaltern der Menschheit. Er wollte verstehen, weshalb diese Formen den Menschen so unmittelbar berührten und welche universellen Gesetzmäßigkeiten sich dahinter verbargen.

Rückblickend wird deutlich, dass die KalbFormen damals bereits entstanden waren, auch wenn Peter sie noch nicht so nannte. Sie waren nicht das Ergebnis einer späteren Erfindung, sondern Ausdruck seines künstlerischen Schaffens von Anfang an. Was ihm zu diesem Zeitpunkt noch fehlte, war das Verständnis für ihren tieferen Ursprung.

In den folgenden 35 Jahren machte er sich deshalb nicht auf die Suche nach neuen Formen. Er begann vielmehr, jene grundlegenden Formen freizulegen, die sich in der unbewussten Körpersprache des Menschen und seinen immer wiederkehrenden Verhaltensweisen offenbaren. Schritt für Schritt erkannte er, dass sich hinter den unzähligen Gesten, Haltungen und Bewegungen grundlegende Qualitäten menschlichen Seins verbergen. Genau diese Formen hatten ihn bereits von Beginn seines künstlerischen Schaffens an intuitiv begleitet und fanden ihren Ausdruck in seinen Skulpturen und Bildern.

Der Begriff KalbFormen entstand deshalb nicht am Anfang seiner künstlerischen Entwicklung, sondern am Ende eines langen Erkenntnisweges. Er gab einer Formensprache einen Namen, die er über Jahrzehnte hinweg entdeckt hatte. Die KalbFormen wurden nicht erfunden – sie wurden freigelegt.

Vielleicht ahnte Prof. Dr. August Heuser bereits bei der Eröffnung der Skulptur etwas von diesem Weg, als er seine Rede mit den Worten schloss:

„Kunst kann den Menschen innerlich – wie die Bahn äußerlich – auf den Weg, auf Reisen schicken.“

Für Peter begann mit MENSCH – ICE genau eine solche Reise – eine Reise, die ihn schließlich, über viele Etappen, zu dem Namen für sein Werk führte, den KalbFormen.

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