Das Projektbuch „Schritt nach vorn“ – Ein Schlüsselwerk

Kapitel 6

Der Wunsch vieler Menschen zu verstehen, was es mit diesen Formen auf sich hat,

beschäftigte Peter über viele Jahre. Als er schließlich das Projektbuch zum architektonischen Bauwerk SCHRITT NACH VORN verfasste, wurde ihm klar, dass er diesem Wunsch nachkommen musste.

Bei einem Projekt dieser Größenordnung würde irgendwann der Moment kommen, an dem er das Buch aus der Hand geben musste. Menschen, die mit Kunst wenig Berührung hatten und dennoch darüber entscheiden würden, ob dieses Bauwerk eines Tages realisiert wird oder nicht, würden es lesen. Er selbst würde dann nicht mehr danebenstehen können, um die Form und ihre zugrunde liegende Körperhaltung zu erklären. Genau deshalb musste das Projektbuch für sich selbst sprechen.

Während der Arbeit daran führte Peter zahlreiche Gespräche über das Vorhaben. Das Modell des Bauwerks faszinierte viele seiner Gesprächspartner. Dennoch zeigte sich immer wieder das gleiche Phänomen: Die Menschen waren beeindruckt, konnten aber oft nicht benennen, weshalb.

Erst als Peter im Projektbuch die abstrakte Form mit der ihr zugrunde liegenden Körperhaltung verband, wurde vieles verständlicher. Plötzlich ließ sich nachvollziehen, warum die Form einen so dynamischen und anpackenden Charakter besitzt. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Geschichte dieser Form aus uns selbst stammt. Vielleicht erklärt gerade das, warum sich so viele Menschen von ihr angesprochen fühlen.

Für Peter war besonders faszinierend, dass die Körperhaltung die Abstraktion erklärte. Was zuvor intuitiv wahrgenommen wurde, konnte nun bewusst verstanden werden.

Wie deutlich dieser Zusammenhang war, zeigte ein Gespräch mit Professor Dr. Dietrich Dörner von der Universität Bamberg, Psychologie II. Peter stellte ihm das Modell vom SCHRITT NACH VORN gemeinsam mit den Zeichnungen der Form und der dazugehörigen Körperhaltung vor. Er wollte wissen, wie ein solches monumentales Bauwerk in der Landschaft auf die Psyche des Menschen wirken würde.

Professor Dörner hielt das Werk für stimmig. Als er jedoch einige Studenten hinzuholte und ihnen ausschließlich das Modell zeigte, ohne die Darstellungen des Menschen, geschah das, was Peter bereits häufig erlebt hatte. Die Studenten waren fasziniert von dem Gebäude. Auf die Frage, warum es sie ansprach, folgte jedoch minutenlanges Schweigen. Niemand konnte seine Faszination erklären.

Erst als die zugrunde liegende Geste erläutert und der architektonische Zukunftstraum SCHRITT NACH VORN benannt wurde, konnte der Verstand dem Gefühl folgen. Die Emotion erhielt eine nachvollziehbare Bedeutung.

Auch Professor Dörner erkannte diese besondere Wirkung. In seiner Einschätzung über das Gebäude meinte er:

“ . . . Es ist von Wichtigkeit, dass es sich hier nicht um ein Bauwerk im herkömmlichen Sinne handelt. Bauwerke sind meist in ihrer Bewegung nach oben gerichtet. Hier steht uns ein Bauwerk als Skulptur vor, das seine Gesamtheit eindeutig nach VORNE bestimmt und in alle Richtungen Dynamik vermittelt. Es ist offen, leicht und es überrascht, weil es von jeder Seite anders fasziniert. “

Für Peter war dies das erste Mal, dass er die tiefe Befriedigung empfand, wirklich verstanden worden zu sein. Für manche Künstler mag das nebensächlich erscheinen. Für ihn war es entscheidend. Ein Konzept, das nicht verstanden wird, kann seine Wirkung nur begrenzt entfalten.

Ihm war wichtig, dass Menschen aus seinem Werk etwas für sich selbst mitnehmen können. Dass sie nicht nur etwas empfinden, sondern auch verstehen, weshalb sie es empfinden. Erst dadurch entstand für ihn das Gefühl, mit seinem künstlerischen Schaffen tatsächlich etwas bewirken zu können.

Bereits im Projektbuch SCHRITT NACH VORN hatte Peter begonnen, sich intuitiv mit der Zuordnung von Farben zu seinen Formen auseinanderzusetzen. Die Farben ergaben sich damals noch nicht aus einer systematischen Erkenntnis der menschlichen Urerfahrungen. Vielmehr leitete er sie zunächst aus den unterschiedlichen Umweltaspekten des Bauwerks ab und ordnete den Formen auf dieser Grundlage bestimmte Farben zu. Es war ein erster Versuch, den Formen neben ihrer Gestalt eine weitere Wahrnehmungsebene zu geben.

Erst später sollte sich daraus eine wesentlich tiefere Erkenntnis entwickeln: dass auch die Farben der Formen mit grundlegenden Erfahrungen des Menschen verbunden sind und ihre jeweilige Qualität unterstützen und erfahrbar machen können. Was im Projektbuch zunächst intuitiv und aus der konkreten Situation des Bauwerks heraus entstanden war, wurde damit nach und nach zu einem eigenständigen Bestandteil seiner Formensprache.

Diese frühen Ansätze sollten später für die bildnerischen Wahrnehmungsformen seiner Skulpturen von großer Bedeutung werden.

Bilder halten den Blickwinkel auf eine Form fest und zeigen die Haltung des Körpers, auf die sich eine innere Haltung überträgt.

In den folgenden Jahren wurde immer deutlicher, wie wichtig es für Peter war, dass die Menschen sein Werk verstehen konnten. Er wollte sie an der kraftvollen Sprache seiner Formen teilhaben lassen und ihnen die Energie der KalbFormen zugänglich machen. Doch was nützt dem Menschen etwas, das er nicht versteht und von dem er nicht weiß, wie er es für sein eigenes Leben nutzen kann? Es wäre, als würde man jemanden mitten in einem riesigen Labyrinth absetzen und ihm nur sagen, dass es irgendwo einen Weg hinaus gibt.

Peter selbst war zu diesem Zeitpunkt ja noch auf der Suche nach diesem Weg. Er konnte die Wirkung seiner Formen spüren, ihre Gesetzmäßigkeiten erahnen und immer mehr Zusammenhänge erkennen – doch die eigentliche Bedeutung lag noch nicht vollständig vor ihm.

In dieser Phase seines Lebens spielten Freunde immer wieder eine besondere Rolle. Oft waren es ihre Fragen und Anregungen, die ihm halfen, seine Gedanken weiterzuentwickeln. Damals bezeichnete Peter seine Skulpturen zeitweise als Ursymbole des Menschen. Er spürte, dass die Formen in ihrer Einfachheit und Klarheit grundlegende menschliche Erfahrungen und innere Prinzipien ausdrückten. Ein Freund empfahl ihm daraufhin, sich mit den Schriften von C. G. Jung zu beschäftigen.

Als Peter das Buch „Der Mensch und seine Symbole“ las, begegnete er vielen Gedanken, die ihn an seine eigenen Beobachtungen erinnerten. Jung beschrieb Archetypen als grundlegende Strukturen der menschlichen Psyche, die sich in unterschiedlichen Bildern, Geschichten und Verhaltensweisen zeigen. Zwar verwendete er andere Begriffe und Symbole, dennoch erkannte Peter Parallelen zu dem, was er in seiner Arbeit immer wieder wahrnahm. Auch seine Formen schienen auf tiefere, beständige Qualitäten im Menschen hinzuweisen, die unabhängig von Zeit und Kultur immer wieder sichtbar werden.

Die Beschäftigung mit diesen Gedanken half ihm, die Wirkung seiner Formen besser einzuordnen. Für einige Jahre verwendete er deshalb den Begriff „Archetypen“, um Menschen einen ersten Zugang zu seinem Werk zu ermöglichen. Unser Verstand sucht nach Begriffen und Kategorien, um neue Dinge einordnen zu können. Genau das wollte Peter erreichen: Die Menschen sollten eine Vorstellung davon bekommen, weshalb sie sich von bestimmten Formen angesprochen fühlten und welche inneren Qualitäten darin sichtbar wurden.

Mit der Zeit wurde ihm jedoch bewusst, dass der Begriff „Archetypen“ bereits sehr stark geprägt war und teilweise auch sehr inflationär verwendet wurde. Viele Menschen verbanden damit unmittelbar die Vorstellungen Jungs oder andere psychologische Konzepte. Seine Formen sollten jedoch nicht als Illustration bestehender Theorien verstanden werden. Sie entwickelten sich zunehmend zu einem eigenständigen System von Haltungen, Bewegungen und menschlichen Qualitäten. Peter ahnte immer deutlicher, dass hinter den einzelnen Formen etwas Gemeinsames lag – eine eigene, über viele Jahre gewachsene Sprache, die ihren Ursprung in der Beobachtung des Menschen hatte.

Schon in dieser frühen Phase hatte Peter deshalb manchmal das Gefühl, ein eigenes Alphabet des Menschen gefunden zu haben. Jede Form schien dabei eine eigene Bedeutung und eine eigene Qualität zu besitzen. Würde auch nur eine dieser Formen fehlen, so empfand er, wäre dieses Alphabet nicht mehr vollständig – und bestimmte menschliche Haltungen oder Qualitäten ließen sich nicht mehr in gleicher Weise ausdrücken. Noch konnte er nicht erklären, nach welchen Gesetzmäßigkeiten dieses Alphabet aufgebaut war. Aber er spürte, dass die Formen nicht beliebig waren und dass jede einzelne ihren unverwechselbaren Platz innerhalb eines größeren Ganzen hatte. Was er schon dem Journalisten gesagt hatte, der ihn zu „9. NOV. 1989“ interviewte – dass in diesen Formen mehr stecke, als er zu benennen vermochte –, das wurde für ihn zur immer drängenderen Gewissheit.

Diese Sprache hatte noch keinen eigenen Namen. Aber die Erkenntnis, dass es nicht um einzelne Skulpturen ging, sondern um eine zusammenhängende Welt von Formen, begann sich immer stärker herauszubilden.

Doch die Frage blieb bestehen: Wie konnte dieses Wissen für andere Menschen sichtbar und nachvollziehbar werden?

Die Antwort kam erneut durch einen Freund.

„Warum malst du eigentlich keine Bilder über deine Skulpturen? Dann könntest du zu jeder Form den Menschen dazu malen, so wie du es im Projektbuch SCHRITT NACH VORN gemacht hast. Bestimmt könnte man dein Werk dann besser nachvollziehen.“

Für Peter war dieser Gedanke ebenso einfach wie verblüffend. Alles, was er brauchte, war bereits vorhanden. Warum war er selbst nicht auf diese naheliegende Lösung gekommen?

Natürlich erkannte er sofort die Schwierigkeit. Ein Bild konnte immer nur eine bestimmte Ansicht der Skulptur zeigen. Dennoch entschloss er sich, diesem Gedanken zu folgen. Zu Beginn wählte er besonders klare und eindeutige Blickwinkel auf die Formen. In seinen Gemälden verband er die Skulpturen mit der entsprechenden Körpersprache und den dazugehörigen Farben.

Erst viele Jahre später erkannte er, dass diese Bilder noch eine weitere Aufgabe erfüllten. Sie hielten etwas fest, das der menschlichen Wahrnehmung kaum möglich ist: einen bestimmten Blickwinkel auf die Skulptur, der einen besonderen Aspekt ihrer grundlegenden Qualität sichtbar macht. Während sich die Skulptur beim Umrunden ständig verändert, bewahrt das Bild einen einzelnen Moment der Wahrnehmung.

So entstanden im Laufe der Zeit zahlreiche Gemälde, die unterschiedliche Facetten der KalbFormen sichtbar machten. Sie halfen dabei, Nuancen herauszuarbeiten, erfahrbar zu machen und die Sprache der Formen immer weiter zu verfeinern.

Heute erscheint es kaum vorstellbar, dass Peter jemals daran gezweifelt haben könnte, Bilder über seine Skulpturen zu malen. Sie sind so eng mit seinem Werk verbunden, dass sie längst zu einem selbstverständlichen Bestandteil seiner künstlerischen Arbeit geworden sind.

Damit begann ein neuer Abschnitt in seiner Arbeit – die Übersetzung der Skulpturen in das Medium der Bilder, in dem sich Form, Körperhaltung und Farbe zu einer neuen Ebene der Wahrnehmung verbinden sollten.

Weitere Kapitel werden folgen

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